28. Juli 2017

Rezension Angie Thomas - The Hate U Give

Wie beginnt man die Rezension zu einem Buch, das wohl schon seit seinem Erscheinen im englischsprachigen Raum für Aufmerksamkeit sorgte? Und mir scheint, seit es nun auch auf Deutsch zu haben ist, hat der Hype ein neues Level erreicht ... Aber egal: Das Thema machte mich neugierig und so durfte es vor einiger Zeit im Original als E-Book bei mir einziehen.

Zum Inhalt:


"The Hate U Give" erzählt die Geschichte des 16jährigen Mädchens Starr Carter, das in zwei Welten aufwächst. Das von Schwarzen bewohnte Viertel Garden Heights ist ihr Zuhause, während sie tagsüber auf die Williamson Prep Schule geht, die hauptsächlich von Weißen besucht wird.

Diese Trennung geht solange gut, bis sie mit ihrem Sandkastenfreund Khalil von einer Party in ihrem Viertel nach Hause fährt und mit ansehen muss, wie ihr Freund von einem weißen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wird ...

Meine Meinung:


"The Hate U Give" wirft den Leser gleich unmittelbar in die Geschichte hinein, den Khalil dient mehr oder weniger eigentlich nur als Auslöser für die gesamte Geschichte. In Folge begleitet man Starr in ihrem weiteren Leben, wie sie versucht, mit der Tatsache fertig zu werden, dass bereits zum zweiten Mal in ihrem jungen Leben eine Person aus ihrem unmittelbaren Umfeld zu Tode kommt.

Der Hype hat leider dafür gesorgt, dass ich einige Erwartungen an das Buch geknüpft hatte, die so nicht unbedingt erfüllt wurden. Sehr häufig wird das Buch nämlich als Aufruf gegen Rassismus verstanden. Es ist in meinen Augen aber nicht unbedingt als Appell zu sehen, eher als Bericht, wie eben sich das Leben für eine junge Schwarze heutzutage abspielt ...

Der Grund ist, dass Starr selbst nicht frei von Vorurteilen ist. Dies zeigt sich vor allem in den Szenen mit ihrem weißen(!) Freund. Dieser ist eigentlich fast zu gut, um wahr zu sein, während Starr damit kämpft, sich schuldig zu fühlen, nach Khalils Tod ausgerechnet mit einem Weißen zusammen zu sein. Aus diesem Grund erntete das Buch, soweit ich mitbekommen habe, auch einiges an Kritik, aber ich finde es in Ordnung so. Die Wirklichkeit sieht eben so aus, dass Schwarze auch Weiße umgekehrt diskriminieren, dies wird nur deutlich seltener bei uns thematisiert.

Angie Thomas bemüht sich in ihrem Buch redlich, diese Vorurteile anhand verschiedener Nebenfiguren aufzubrechen. Es passieren aber trotzdem einige Dinge, die ich ein wenig zu vereinfacht dargestellt fand (Ich werde jetzt hier nicht ins Detail gehen, da dies wohl schon Spoiler darstellt, sorry).

Starr selbt kam oft sehr widersprüchlich rüber, was sie mir nicht immer sympathisch machte, was aber aufgrund der äußeren Umstände verständlich ist. Auch mit ihrem Familie wurde ich nicht immer warm, sie ist aber letztendlich etwas, was man sonst in Jugendromanen selten findet: Vorhanden! Starrs Umgang mit ihren Eltern, die Unterstützung, die sie von ihnen vor allem in der Hälfte des Buches bekommt, die Verbundenheit mit ihrem Bruder und Halbbruder, auch das wirkt realistisch.

Warum ich dem Roman das Prädikat "großartig" trotzdem nicht verleihen kann, ist in meinen Augen dem Schreibstil zu verdanken. Es fehlen für meinen Geschmack einfach die Passagen, die mich emotional überwältigen konnten ... Warum? Weil Thomas meiner Meinung nach fast ein bisschen zu distanziert beschreibt, was Starr die Dinge wahrnimmt und was sie tut. Aus dem Kontext heraus lebt und fühlt man mit Starr natürlich mit, versteht damit auch ihre Entwicklung - aber ein kleines bisschen blieb sie mir am Ende doch fremd.

Trotzdem spreche ich eine Leseempfehlung aus, da das Buch eine Problematik thematisiert, die wir als Europäer kaum bis gar nicht wahrnehmen, wenn überhaupt nur aus Serien und Filmen kennen. Und wer gut genug Englisch kann, sollte das Buch trotz des Slangs im Original lesen, denn daran gewöhnt man sich nach den ersten Kapiteln. Die deutsche Ausgabe fällt hier schon wegen der vielen englischen Ausdrücke (die man in meinen Augen zum Teil durchaus übersetzen hätte können, sie reden beispielsweise vom "Girlfriend"?) eher ab ...

Mein Fazit:


"The Hate U Give" ist ein gutes und wichtiges Buch, das man schon wegen des Themas gelesen haben sollte, da wir als Europäer eher wenig darüber wissen. Für das Prädikat "großartig" fehlte mir allerdings doch noch ein bisschen was ...

  • ★★★★
  • E-Book
  • 464 Seiten
  • Balzer + Bray
  • B01M0614T9

11 Kommentare

  1. Es gibt also Kritikpunkte, aber die würden mich auch nicht davon abhalten, das Buch zu lesen. Es schlummert im Original schon auf meinem Reader und wird wahrscheinlich im Urlaub gelesen werden. Hab vielen Dank für die gelungene Beleuchtung dieses Buches.

    LG Gabi

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    1. >> Die würden mich auch nicht davon abhalten <<

      Dann ist es gut. Ich wollte mit meiner Rezi das Buch auch nicht schlecht machen, sondern lediglich aufzeigen, dass das Buch nicht ganz so perfekt ist, wie manche tun :D.

      Liebe Grüße
      Ascari

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  2. Danke für diese spannende Rezension! Deine ist, glaube ich, die erste Rezension, die ein paar Kritikpunkte anbringt, was ich spannend finde. Schließlich sind die wenigsten gehypten Bücher wirklich perfekt.

    Das mit der Diskriminierung Schwarzen gegenüber Weißen finde ich interessant. Niemand bestreitet, denke ich, dass Schwarze es in den USA schwerer haben als Weiße, aber wenn ich manchmal Diskussionen im Internet ansehe, fallen mir da auch schon manchmal Vorurteile einiger Schwarzer gegenüber Weißen auf. ZB, wenn es um Feminismus geht und einige Personen dann gleich pauschal allen weißen Feministinnen unterstellen, diese "white bitches" würden sich ja nur für die Rechte weißer Frauen einsetzen.

    Das Wort "Girlfriend" nicht zu übersetzen klingt ja auch irgendwie seltsam. Klar gibt es im Deutschen leider keine Differenzierung zwischen Freundin (Beziehung) und Freundin (Freundschaft), aber das ergibt sich doch aus dem Kontext.

    LG
    Charlie

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    1. Hi Charlie,

      danke für dein Kompliment! Ich bin zwar nicht unbedingt die erste, die auch ein bisschen kritisiert, aber ich glaube, dass die kritischen Gedanken bei uns ein wenig untergegangen sind ... Ich schaue in dem Zusammenhang übrigens sehr gerne auf Goodreads. Mir kommt vor, dass sich die Nutzer deutlich weniger ein Blatt vor den Mund nehmen als hier, wenn ihnen ein Buch nicht gefällt :).

      Den Aspekt der umgekehrten Diskriminierung fand ich auch interessant, vor allem dass er thematisiert wird. Aber eigentlich ist es logisch, warum soll es uns Weißen anders ergehen, wenn die Schwarzen in der Mehrheit sind?

      Wäre ich die Übersetzerin gewesen, hätte ich wahrscheinlich "feste Freundin" geschrieben, damit hätte es in meinen Augen auch funktioniert, wenn Zweifel bestehen.

      Liebe Grüße
      Ascari

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  3. Mit dem Buch liebäugel ich ja bereits, ist mir aber momentan zu sehr ghypte. Deine Rezension macht jedoch wieder neugierig, denn "großartig" sporichst du nicht aus, dennoch aber eine Leseempfehlung und mich würde interessieren ob ich diese Distanz ebenfalls wahrnehmen würde. Ganz oben auf der WuLi ist es bereits!

    Hab einen mukkeligen Samstag!
    Janna

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    1. Liebe Janna,

      es ist doch völlig gleich, ob das Buch gehypt wird oder nicht. Wenn es dich persönlich interessiert, lies es! Alles andere ist da nebensächlich ;).

      Liebe Grüße
      Ascari

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  4. Huhu!
    Schöne, ehrliche Rezi! Ich habe bisher nur Buchbesprechungen erstöbert, wo THUG in höchsten Tönen gelobt wurde - gut zu wissen, dass es definitiv auch Kritikpunkte gibt! (Die das Lesevergnügen ja jetzt aber nicht unbedingt schmälern müssen. ;) )
    Das Buch liegt jedenfalls lesebereit bei mir Zuhause - bin gespannt, wie es mir selbst gefällt!

    Liebe Grüße,
    Lea-Sophie

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    1. Servus Lea-Sophie!

      Geht mir ähnlich, auch ich habe bisher erst sehr wenige kritische Stimmen gehört. Vielleicht traut sich niemand? Ich will ja auch nicht sagen, dass es schlecht ist, Gott bewahre, aber für mich ist es eben wegen meiner (kleinen) Kritikpunkte kein Fünf-Sterne-Buch. Wobei ich fairerweise zugeben muss, dass ich fünf Sterne eher selten vergebe :D ...

      Auf jeden Fall viel Spaß beim Lesen!

      Liebe Grüße
      Ascari

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  5. Hi!
    Danke für die interessante Rezension! Bis jetzt war ich mir nicht sicher, ob ich das Buch lesen sollte. Ich bin immer stutzig bei Büchern, die ein Hype sind und die alle vergöttern und froh mal Kritikpunkte zu hören. :)

    Liebe Grüße
    Ani

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    1. Hey :)

      Keine Ursache :). Ich setze mich eigentlich mit allen Büchern, die ich lese, kritisch auseinander, egal ob sie gehypt werden oder nicht.

      Wenn dich in diesem Zusammenhang noch mehr kritische Stimmen interessieren, würde ich dir außerdem empfehlen, dich auf Goodreads anzumelden. Dort wird meiner Meinung nach deutlich unverblümter kritisiert als bei uns im deutschsprachigen Raum :).

      Liebe Grüße
      Ascari

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