6. Oktober 2017

Rezension John Boyne - The Boy at the Top of the Mountain

Seit "Der Junge auf dem Berg" auf Deutsch erschienen ist, juckte es mich, das Buch zu lesen. Da der Schreibstil nicht so schwer ist, entschied ich mich f├╝r die englische Ausgabe als E-Book, die bereits 2015 herausgekommen ist (laut Goodreads). Das hat ├╝brigens durchaus einen Grund, warum ich das erw├Ąhne, aber dazu sp├Ąter mehr ...

Zum Inhalt:


Der kleine Pierrot w├Ąchst in Frankreich auf, bis 1936 verliert er zun├Ąchst seinen Vater, dann auch seine Mutter. Im Waisenhaus bleibt er jedoch nicht lange, denn seine Tante Beatrix erbarmt sich seiner und holt ihn zu sich. Als Hauswirtschafterin hat sie selbst in diesen von Krisen gesch├╝ttelten Zeiten einen guten Beruf, doch der Arbeitsplatz ist der Berghof, der legend├Ąre Hof, wo Adolf Hitler zusammen mit Eva Braun immer wieder seine Zeit verbringt ...

Meine Meinung:


Ehe ich auf das Buch eingehe, muss ich noch etwas vorausschicken: Ich habe Boynes "Der Junge im gestreiften Pyjama" nicht gelesen, kenne nur die Verfilmung, deren Ende mich aber durchaus schockiert hat. Mit entsprechend gemischten Gef├╝hlen ging ich an die Lekt├╝re dieses neuen Buchs, in dem Boyne wieder zum Thema Faschismus und Rassismus schreibt, allerdings aus der Sicht der T├Ąter, nicht der Opfer.

In "Der Junge auf dem Berg" (Ich werde jetzt f├╝r das bessere Verst├Ąndnis den deutschen Titel verwenden) entwirft Boyne ein Szenario, wie es in der damaligen Zeit tagt├Ąglich vorgekommen ist: Junge Menschen werden mit nationalsozialistischem Gedankengut so lange gef├╝ttert, bis es f├╝r sie normal ist und sie aufh├Âren zu hinterfragen, was sie da eigentlich tun. Etwas, was auch heute nach wie vor ein brandaktuelles Thema ist.

Diese Entwicklung stellt Boyne durch die Figur des Pierrot Fischer dar. Zu Beginn des Buches ist Pierrot sieben Jahre alt und fern von Judenhass und Nazis aufgewachsen. Er lebt in Paris und ist mit dem j├╝dischen Jungen Anshel befreundet, der im selben Haus wohnt. Da Anshel taub ist, verst├Ąndigen sich die beiden mit Geb├Ąrdensprache, Pierrots kleiner Hund D'Artagnan macht das Gespann komplett.

Von einem Tag auf den anderen ├Ąndert sich Pierrots Leben, als auch noch seine Mutter stirbt. Er kommt zun├Ąchst in ein Waisenhaus, wo er von einem ├Ąlteren und kr├Ąftigeren Jungen regelm├Ą├čig gemobbt wird. Klein und schm├Ąchtig wie er ist, hat er dem nicht viel entgegenzusetzen. Pierrot bleibt allerdings nicht lange, denn seine deutschst├Ąmmige Tante Beatrix holt ihn zu sich auf den Berghof. Den Berghof auf dem Obersalzberg, den Adolf Hitler immer wieder f├╝r seinen Urlaub aufsucht - und es bleibt nicht aus, dass Pierrot, nun Pieter genannt, immer mehr dem Einfluss von Hitler unterliegt ...

Inhaltlich ist "Der Junge auf dem Berg" ein Buch, das schon aufgrund seiner Thematik gute Chancen hat, eine gewisse Zeitlosigkeit zu erreichen. Zwei Aussagen sind mir in diesem Zusammenhang ganz besonders gut in Erinnerung geblieben. Boyne legt beispielsweise Hitler folgenden Satz in den Mund:

"That is why we are here, all of us. To make Germany great again."
56% 

Ein anderer Satz gegen Ende zeigt das ebenso deutlich, wo Pieter Antwort auf einen Brief bekommt:

"You did what any patriot would have done, she wrote, and Pieter read the letter in astonishment, realizing that time might move on, but the ideas of some people never would."
94%

Trotzdem gab es beim Lesen einige Punkte, die mich ein wenig gest├Ârt haben.

Da ist einmal der Aufbau der Handlung. Anfangs nimmt sich Boyne viel Zeit, damit der Leser Sympathie f├╝r Pieter entwickelt. Die Freundschaft zu Anshel, sein gutes Herz, der Verlust seiner Mutter, seine Reise nach Orl├ęans ins Waisenhaus - das nimmt fast die erste H├Ąlfte des gesamten Buchs ein.

In der zweiten H├Ąlfte jedoch zieht Boyne das Tempo St├╝ck f├╝r St├╝ck an, bis der Leser am Ende eigentlich nur noch Ausschnitte von Pieters Leben auf dem Obersalzberg miterlebt. Dies fand ich schon etwas schade, denn auf diese Weise war seine Entwicklung zum jungen Nazi f├╝r mich oft nicht so richtig greifbar. Bei einigen Szenen fragte ich mich mehrmals, wie es sein kann, dass Pieter so ganz und gar aufh├Ârt, menschlich zu sein ...

Dar├╝ber hinaus halte ich die deutsche Altersempfehlung "ab 12 Jahren" f├╝r etwas bedenklich, denn "Der Junge auf dem Berg" arbeitet an vielen Stellen nur mit Anspielungen, dezenten Hinweisen, wo ich mir nicht sicher bin, ob man in dem Alter wirklich versteht, was Boyne eigentlich meint. Ich f├╝r meinen Teil habe jedenfalls erst mit 14 das erste Mal im Geschichteunterricht gelernt, welche Gr├Ąuel Adolf Hitler zu verantworten hatte ...

Das Ende erschien mir im Kontext leider ebenfalls nicht glaubw├╝rdig. Um nicht zu viel zu verraten, werde ich jetzt nicht mehr dazusagen, aber diese letzte Entwicklung kam f├╝r meinen Geschmack einfach zu rasch. Sie ist zwar sicher dem Charakter des Jugendbuchs geschuldet, pers├Ânlich h├Ątte ich aber ein "erwachseneres" Ende vorgezogen, das sich auch durch diverse Dialoge mit Hitler angeboten h├Ątte ...

Was mir au├čerdem nicht gefallen hat, waren einige (fehlerhafte) Details. Selbstverst├Ąndlich tr├╝ben sie nicht den Gesamteindruck, aber sie hinterlassen einen etwas schalen Geschmack auf meiner (Leser)Zunge ... Ein Buch wird beispielsweise falsch zitiert, in Frankreich werden Juden mit dem deutschen Wort "Juden" beschimpft (1936 h├Ątte es doch noch "Juif" hei├čen m├╝ssen?), Truthahn wird zum Weihnachtsessen am Berghof serviert?

Wie das in der deutschen Ausgabe umgesetzt bzw. ob das korrigiert wurde, kann ich nicht beurteilen, aber mir ist aufgefallen, dass der Pierrots Name im Deutschen ge├Ąndert wurde. Aus Fischer wurde Weber, und aus Pieter Peter. G├Ąngige Praxis, wie ich mir sagen habe lassen, aber verstanden habe ich es trotzdem nicht, weil sich mir die Gr├╝nde daf├╝r nicht erschlie├čen.

Mein Fazit:


"Der Junge auf dem Berg" ist aufgrund des Themas ein gutes und wichtiges Buch, das aber in meinen Augen in der Umsetzung einige Schw├Ąchen aufweist. Das macht in Summe f├╝r mich 3,5 Sterne, die ich in Ermangelung eines Halbe-Sterne-Systems mit etwas Bauchweh auf vier Sterne aufrunde.

  • ★★★★
  • E-Book
  • 226 Seiten
  • RHCP Digital
  • 978-1448196821

8 Kommentare

  1. Liebe Ascari,

    ich bewundere, dass du immer wieder Titel in der Originalausgabe liest. Respekt ;-). Es istellt sich mir die Frage, inwieweit man die die beiden Ausgaben tats├Ąchlich miteinander vergleichen darf. Irritierend finde ich es schon, dass die Namen ver├Ąndert wurden. Auch mir erschlie├čt sich so ein Prozedere absolut nicht. Was wurde wohl noch ge├Ąndert?

    Ich finde die Geschichte f├╝r heute sehr wichtig, vor allem f├╝r Jugendliche, wenn man mit ihnen ├╝ber das Buch diskutieren w├╝rde.

    Liebe Gr├╝├če

    Anja

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    1. Liebe Anja,

      ich k├Ânnte mir das Buch wirklich sehr gut als Schullekt├╝re vorstellen ... Das ist gar keine Frage. Letztendlich spielt es ja daf├╝r keine Rolle, ob der Junge nun Fischer oder Weber hei├čt.

      Vergleichen konnte ich die B├╝cher nun ja nicht im Detail, ich habe nur ein wenig in das deutsche H├Ârbuch hineingeh├Ârt, dadurch ist mir beispielsweise das mit dem Familiennamen aufgefallen.

      Liebe Gr├╝├če
      Ascari

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  2. Schade, dass dich das Buch nicht g├Ąnzlich ├╝berzeugen konnte. Ich habe es im Januar ebenfalls auf Englisch gelesen und geliebt.

    Ich pers├Ânlich fand die Entwicklung von Pierrot zum regimetreuen Nazi durchaus verst├Ąndlich und nachvollziehbar, gerade in Anbetracht seines Alters. Allerdings gebe ich dir Recht, dass das Ende ruhig etwas mehr Zeit und Entwicklung verdient h├Ątte.

    Die Namens├Ąnderungen in der deutschen Ausgabe kann ich leider auch nicht ganz nachvollziehen. Dass man aus Pieter Peter macht, verstehe ich ja noch. Aber warum ├Ąndert man den Nachnamen Fischer in Weber? Darin sehe ich ├╝berhaupt keinen Grund. Fischer ist nun wahrlich kein ungew├Âhnlicher deutscher Nachname. Da w├Ąre ich tats├Ąchlich mal neugierig auf die Begr├╝ndung des Verlags.

    Die Altersangabe mit 12 finde ich in Ordnung und gerechtfertigt. Nat├╝rlich ist nicht jeder mit 12 reif f├╝r das Thema oder hat das Hintergrundwissen. In der Regel haben aber die meisten in dem Alter schon von Hitler und dem Nationalsozialismus geh├Ârt. Und gerade in den letzten Jahren sind so viele Kinderb├╝cher, die dieses Thema aufgreifen, erschienen. Bei einem Lesewettbewerb in unserer Region hat bspw.dieses Jahr ein Zehnj├Ąhriger aus einem entsprechenden Buch gelesen. Und f├╝r einige 7. Klassen (12- und 13-J├Ąhrige) hat unsere Einrichtung schon Lesungen zu diesem Thema an Schulen organisiert. Zu meiner Schulzeit wurden ebenfalls in der 6. Klasse, also mit 12 Jahren, erste Schullekt├╝ren zum Thema gelesen, obwohl die historische Epoche erst im Geschichtsunterricht der 9. Klasse dran war. Zwar erlebe ich es in meinem Job, dass vereinzelte Sch├╝ler im Alter von 16 Jahren noch nie etwas ├╝ber den Holocaust geh├Ârt haben - das sind dann aber auch Sch├╝ler, die privat nicht zum Buch greifen und sich generell wenig f├╝r Geschichte oder Politik interessieren.

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    1. Liebe Kathrin,

      fein, dass du es auch auf Englisch gelesen hast! Da kann ich dich ja gleich einmal fragen: Sind dir auch diese Unterschiede aufgefallen? Ich habe n├Ąmlich sonst nur Rezensionen zur deutschen Fassung gelesen ...

      "Nicht ├╝berzeugen" w├╝rde ich so nicht sagen. In dem Buch waren einige Passagen, die mir einen Schauer ├╝ber den R├╝cken gejagt haben, weil die Parallelen zur Gegenwart so markant sind (Vor allem das "Make Germany great again", deswegen hab ich ausnahmsweise Zitate in meine Rezi eingef├╝gt).

      Ich finde aber auch, dass man aus dem Buch noch mehr machen h├Ątte k├Ânnen. So dass ich mit gutem Gewissen das Attribut "gro├čartig" vergeben h├Ątte k├Ânnen.

      Und ich finde es schade, dass offensichtlich niemandem aufgefallen ist, dass Fehler in dem Buch sind (Es war beispielsweise Ludwig XIV, dessen Zwillingsbruder in Dumas' "Der Mann mit der eisernen Maske" eingekerkert wurde, nicht Ludwig XIII, der hat in den fr├╝heren "Musketier"-Romanen die Hauptrolle gehabt).

      Diese Kritik geht eigentlich mehr in Richtung Verlag bzw. Lektorat, aber auch als Autor hat man dem Leser doch gegen├╝ber eine gewisse Verantwortung, korrekte Fakten zu pr├Ąsentieren ... Da bekomme ich einfach ein ungutes Gef├╝hl, weil ich mich beim Lesen eigentlich darauf verlassen m├Âchte, korrekte Fakten zu lesen.

      Was die Altersempfehlung angeht: Danke f├╝r deinen Hinweis darauf, dass heute schon fr├╝her dar├╝ber gesprochen wird. Meine Schulzeit liegt ja doch schon eine Weile zur├╝ck, daher ist es gut zu wissen, dass sich das offensichtlich ver├Ąndert hat :).

      Liebe Gr├╝├če
      Ascari

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    2. Hallo Arscari,

      puh, jetzt bringst du mich aber zum Gr├╝beln bzgl. auftauchender Fehler. Offensichtlich war f├╝r mich nur die falsche "Eindeutschung" des Vornamens. Was die Verwechslung der beiden Ludwigs angeht, muss ich gestehen, dass mir das nicht auffiel - zum einen komme ich privat selber immer mit s├Ąmtlichen K├Ânigen durcheinander und zum anderen habe ich "Der Mann in der eisernen Maske" noch nicht gelesen, sondern kenne nur die Verfilmung und seit ich die das letzte Mal sah, sind etliche Jahre vergangen. Autoren und Lektoren sollten aber gerade solche Dinge, die sich wirklich leicht recherchieren lassen, pr├╝fen, bevor sie ein Buch in den Druck geben. Da hast du vollkommen Recht. Schade finde ich auch, wenn die Fehler selbst nach Jahren nicht korrigiert sind (ich habe z.B. die Taschenbuchausgabe, f├╝r die man ja diesen Fehler bereits h├Ątte korrigieren k├Ânnen).

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    3. Liebe Kathrin,

      glaube mir, das mit den Ludwigs ist bei mir auch eher Zufall :D. Aber ich hatte mal ne Phase, wo ich fast alles verschlungen habe, was mit dem Sonnenk├Ânig zu tun hatte ... Sonst w├Ąre es mir wohl auch nicht aufgefallen ;).

      Hast du den Fehler auch in deiner Taschenbuchausgabe gefunden?

      Liebe Gr├╝├če
      Ascari

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  3. Hallo Ascari,

    so, nun m├Âchte ich auch hier endlich mal kommentieren. Schade, dass die das Buch nicht g├Ąnzlich ├╝berzeugen konnte, ich kann aber deine Kritikpunkte verstehen...

    Zum "Peter": Auch wenn das Buch im Original auf englisch geschrieben wurde, h├Ątte ich jetzt erwartet, dass aus Pierrot, auch dort "Peter" wird, wird doch aus dem franz├Âsischen Namen ein deutscher, da er auch noch in Deutschland spielt. "Pieter" klingt f├╝r mich in dieser Geschichte irgendwie falsch. Dass aus Fischer Weber wurde, das kann ich nich nachvollziehen.

    Was das Ende angeht, hatte ich erst auch so gef├╝hlt wie du, und nach kurzem ├ťberlegen, war ich dann doch zufrieden. Ich habe es n├Ąher in meiner Rezi beschrieben... Grob gesagt, es passt zu einem Jugendbuch und hat sich deshalb auch da eingef├╝gt. Ein "Erwachsenenende" w├Ąre unpassend gewesen. Das Buch wirkt bei mir bis heute noch nach. Ich finde, dem Autor ist damit ein Meisterst├╝ck gelungen.

    GlG vom monerl

    PS.: Habe deine Rezi bei mir verlinkt, da sie ein guter Gegenpol ist, insbesondere, da du es auch noch im Original gelesen hast. ;-)

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    1. Liebe Monerl,

      danke f├╝r deinen ausf├╝hrlichen Kommentar :). Sch├Ân, dass wir beide diese ├änderungen nicht nachvollziehen k├Ânnen.

      Was das Ende angeht, da gebe ich dir recht: Ja, es passt zu einem Jugendbuch, gar keine Frage. Ich hatte nur nicht unbedingt damit gerechnet, da ja beispielsweise das Ende von "Der Junge im gestreiften Pyjama" auch sehr "krass" war (mir f├Ąllt grad kein besseres Wort daf├╝r ein). Da h├Ątte ich nicht unbedingt damit gerechnet, dass der Autor so ein Ende schreiben w├╝rde ...

      Lieben Dank f├╝rs Verlinken!

      Beste Gr├╝├če
      Ascari

      L├Âschen