Rezension John Boyne - The Boy at the Top of the Mountain

Seit "Der Junge auf dem Berg" auf Deutsch erschienen ist, juckte es mich, das Buch zu lesen. Da der Schreibstil nicht so schwer ist, entschied ich mich für die englische Ausgabe als E-Book, die bereits 2015 herausgekommen ist (laut Goodreads). Das hat übrigens durchaus einen Grund, warum ich das erwähne, aber dazu später mehr ...

Zum Inhalt:


Der kleine Pierrot wächst in Frankreich auf, bis 1936 verliert er zunächst seinen Vater, dann auch seine Mutter. Im Waisenhaus bleibt er jedoch nicht lange, denn seine Tante Beatrix erbarmt sich seiner und holt ihn zu sich. Als Hauswirtschafterin hat sie selbst in diesen von Krisen geschüttelten Zeiten einen guten Beruf, doch der Arbeitsplatz ist der Berghof, der legendäre Hof, wo Adolf Hitler zusammen mit Eva Braun immer wieder seine Zeit verbringt ...

Meine Meinung:


Ehe ich auf das Buch eingehe, muss ich noch etwas vorausschicken: Ich habe Boynes "Der Junge im gestreiften Pyjama" nicht gelesen, kenne nur die Verfilmung, deren Ende mich aber durchaus schockiert hat. Mit entsprechend gemischten Gefühlen ging ich an die Lektüre dieses neuen Buchs, in dem Boyne wieder zum Thema Faschismus und Rassismus schreibt, allerdings aus der Sicht der Täter, nicht der Opfer.

In "Der Junge auf dem Berg" (Ich werde jetzt für das bessere Verständnis den deutschen Titel verwenden) entwirft Boyne ein Szenario, wie es in der damaligen Zeit tagtäglich vorgekommen ist: Junge Menschen werden mit nationalsozialistischem Gedankengut so lange gefüttert, bis es für sie normal ist und sie aufhören zu hinterfragen, was sie da eigentlich tun. Etwas, was auch heute nach wie vor ein brandaktuelles Thema ist.

Diese Entwicklung stellt Boyne durch die Figur des Pierrot Fischer dar. Zu Beginn des Buches ist Pierrot sieben Jahre alt und fern von Judenhass und Nazis aufgewachsen. Er lebt in Paris und ist mit dem jüdischen Jungen Anshel befreundet, der im selben Haus wohnt. Da Anshel taub ist, verständigen sich die beiden mit Gebärdensprache, Pierrots kleiner Hund D'Artagnan macht das Gespann komplett.

Von einem Tag auf den anderen ändert sich Pierrots Leben, als auch noch seine Mutter stirbt. Er kommt zunächst in ein Waisenhaus, wo er von einem älteren und kräftigeren Jungen regelmäßig gemobbt wird. Klein und schmächtig wie er ist, hat er dem nicht viel entgegenzusetzen. Pierrot bleibt allerdings nicht lange, denn seine deutschstämmige Tante Beatrix holt ihn zu sich auf den Berghof. Den Berghof auf dem Obersalzberg, den Adolf Hitler immer wieder für seinen Urlaub aufsucht - und es bleibt nicht aus, dass Pierrot, nun Pieter genannt, immer mehr dem Einfluss von Hitler unterliegt ...

Inhaltlich ist "Der Junge auf dem Berg" ein Buch, das schon aufgrund seiner Thematik gute Chancen hat, eine gewisse Zeitlosigkeit zu erreichen. Zwei Aussagen sind mir in diesem Zusammenhang ganz besonders gut in Erinnerung geblieben. Boyne legt beispielsweise Hitler folgenden Satz in den Mund:

"That is why we are here, all of us. To make Germany great again."
56% 

Ein anderer Satz gegen Ende zeigt das ebenso deutlich, wo Pieter Antwort auf einen Brief bekommt:

"You did what any patriot would have done, she wrote, and Pieter read the letter in astonishment, realizing that time might move on, but the ideas of some people never would."
94%

Trotzdem gab es beim Lesen einige Punkte, die mich ein wenig gestört haben.

Da ist einmal der Aufbau der Handlung. Anfangs nimmt sich Boyne viel Zeit, damit der Leser Sympathie für Pieter entwickelt. Die Freundschaft zu Anshel, sein gutes Herz, der Verlust seiner Mutter, seine Reise nach Orléans ins Waisenhaus - das nimmt fast die erste Hälfte des gesamten Buchs ein.

In der zweiten Hälfte jedoch zieht Boyne das Tempo Stück für Stück an, bis der Leser am Ende eigentlich nur noch Ausschnitte von Pieters Leben auf dem Obersalzberg miterlebt. Dies fand ich schon etwas schade, denn auf diese Weise war seine Entwicklung zum jungen Nazi für mich oft nicht so richtig greifbar. Bei einigen Szenen fragte ich mich mehrmals, wie es sein kann, dass Pieter so ganz und gar aufhört, menschlich zu sein ...

Darüber hinaus halte ich die deutsche Altersempfehlung "ab 12 Jahren" für etwas bedenklich, denn "Der Junge auf dem Berg" arbeitet an vielen Stellen nur mit Anspielungen, dezenten Hinweisen, wo ich mir nicht sicher bin, ob man in dem Alter wirklich versteht, was Boyne eigentlich meint. Ich für meinen Teil habe jedenfalls erst mit 14 das erste Mal im Geschichteunterricht gelernt, welche Gräuel Adolf Hitler zu verantworten hatte ...

Das Ende erschien mir im Kontext leider ebenfalls nicht glaubwürdig. Um nicht zu viel zu verraten, werde ich jetzt nicht mehr dazusagen, aber diese letzte Entwicklung kam für meinen Geschmack einfach zu rasch. Sie ist zwar sicher dem Charakter des Jugendbuchs geschuldet, persönlich hätte ich aber ein "erwachseneres" Ende vorgezogen, das sich auch durch diverse Dialoge mit Hitler angeboten hätte ...

Was mir außerdem nicht gefallen hat, waren einige (fehlerhafte) Details. Selbstverständlich trüben sie nicht den Gesamteindruck, aber sie hinterlassen einen etwas schalen Geschmack auf meiner (Leser)Zunge ... Ein Buch wird beispielsweise falsch zitiert, in Frankreich werden Juden mit dem deutschen Wort "Juden" beschimpft (1936 hätte es doch noch "Juif" heißen müssen?), Truthahn wird zum Weihnachtsessen am Berghof serviert?

Wie das in der deutschen Ausgabe umgesetzt bzw. ob das korrigiert wurde, kann ich nicht beurteilen, aber mir ist aufgefallen, dass der Pierrots Name im Deutschen geändert wurde. Aus Fischer wurde Weber, und aus Pieter Peter. Gängige Praxis, wie ich mir sagen habe lassen, aber verstanden habe ich es trotzdem nicht, weil sich mir die Gründe dafür nicht erschließen.

Mein Fazit:


"Der Junge auf dem Berg" ist aufgrund des Themas ein gutes und wichtiges Buch, das aber in meinen Augen in der Umsetzung einige Schwächen aufweist. Das macht in Summe für mich 3,5 Sterne, die ich in Ermangelung eines Halbe-Sterne-Systems mit etwas Bauchweh auf vier Sterne aufrunde.

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